SDG8 – Erwerbs-/Arbeitszeitverkürzung zugunsten von mehr Freiarbeit

UniNEtZ-Newsfeed: SDG 8

(Erwerbs-/ Arbeitszeitverkürzung zugunsten von mehr Freiarbeit)

von Sen.Sc. Mag. Dr. Friedrich Hinterberger und Sen.Sc. Mag. Jenni Tischer (Wien 23.10.2019)

Die Arbeitsgruppe zu SDG8 „menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum“ beschäftigte sich im Sommer mit einer ersten „Option“ für den Perspektivenbericht. Grundlage war die Beschäftigung mit unterschiedlichen Formen der Arbeit. Daraus entstand dieser Beitrag von Fritz Hinterberger und Jenni Tischer.

Wieviel (oder besser: wie wenig) wir heute arbeiten

Das Erwerbs-Arbeitsvolumen beträgt in Österreich etwa 7 Mrd Std. So viele Stunden wurden in Österreich 2018 „on the Job“ gearbeitet, davon 60% von Männern. Dier 7 Mrd. Std. wurden von 4,3 Mio Erwerbstätigen geleistet – also etwas über 1600 Stunden pro Person und Jahr. Das sind 40 Stunden pro Woche, 40 Wochen pro Jahr – und das über 40 Jahre (etwa vom 20. bis 60. oder vom 25. bis zum 65. Lebensjahr) wären 64.000 Stunden in einem Normal-Arbeitsleben.

Ein Jahr hat 8760 Stunden – von denen wir (immer im Durchschnitt) weniger als 20% „arbeiten“. Bezieht man das ganze auf eine Lebenserwartung von 80 Jahren, dann sind es sogar weniger als 10%, wobei man nur die Hälfte seiner Lebensjahre überhaupt der Erwerbsarbeit widmet. 80 Lebensjahre sind 700.000 Stunden, wovon wir – im „Normal“-Fall wie gesagt – 64.000 Std. für Geld arbeiten.

Source: Pixabay 2019

Ziehen wir 12 Stunden pro Tag für eine jedenfalls notwendige Erholung ab, dann sind es immer noch nur 40% (oder – bezogen auf das ganze Leben – 20%), während wir etwa ein Drittel unserer Lebenszeit „verschlafen“. Trotzdem fühlt sich das für den erwerbsarbeitenden Teil der Bevölkerung akut meist ganz anders an. Dazu kommt: Erwerbsarbeit ist in unserer Gesellschaft immer noch sehr ungleich verteilt.

Erwerbsarbeit hat das Potential Wohlstand zu produzieren

Erwerbsarbeit ist deshalb so wichtig für die Gesellschaft, weil die überwiegende Mehrheit der Menschen ihr Einkommen hauptsächlich aus Erwerbsarbeit bezieht, womit sie ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Negativ Beispiele: Menschen in geringfügigen Arbeitsverhältnissen, in Schwarzarbeit, oder Menschen die mit der Pflege oder der Kindererziehung beschäftigt sind und daher nicht oder nicht ausreichend arbeiten gehen können, können keinen oder nur wenig Wohlstand erarbeiten. 

Auf der anderen Seite produzieren wir in modernen Gesellschaften fast alles, woraus wir unseren Wohlstand beziehen, über die Erwerbsarbeit anderer – in Form von Produkten und Dienstleistungen, die wir für unser Einkommen kaufen (oder solchen, die der Staat mit Hilfe öffentlich Bediensteter für uns unentgeltlich zur Verfügung stellt, wofür wir wiederum Steuern bezahlen).

Vieles davon kommt im Übrigen nicht aus Österreich, sondern Teilweise von weit her – dem gegenüber stehen aber österreichische Exporte, die wiederum Einkommen und damit Einkommenschancen generieren (Link zur „imperialen Lebensweise“).

Ressourcenverbrauch schadet der Umwelt

Source: Pixabay 2019

Neben Arbeit benötigt jede Produktion auch natürliche Ressourcen – Strom für den Computer, Diesel für den Transport, Pflanzen und Fleisch für Nahrungsmittel, Ziegel und Zement für den Bau, Metall und Kunststoffe für viele Produkte des täglichen Bedarfs.  Mehr Produktion braucht mehr Inputs in Form von Arbeit und Ressourcen – technischer Fortschritt kann diese Zusammenhänge zugunsten von  mehr Produktion bei gegebenem Input verbessern. Während die Arbeits- und auch die Ressourcenproduktivität kontinuierlich ansteigen, würde sowohl der Ressourcenverbrauch als auch die Beschäftigung sinken, wenn das, was wir damit produzieren nicht mindestens im gleichen Ausmaß wächst.

Ressourcenverbrauch ist der entscheidende Treiber für den Klimawandel (SDG 13) sowie den Druck auf die Erfüllung der  SDGs 14 (Leben unter Wasser) und 15 (Leben an Land).
In diesen Zusammenhängen entsteht ein immanenter Widerspruch zwischen den Zielen des SDG 8 „Dauerhaftes, breitenwirksames und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle fördern“  und dem Schutz der natürlichen Umwelt.

Weniger Erwerbsarbeit bedeutet (bedingt durch das geringere Arbeitsangebot) nicht nur weniger weniger Produktion und damit BIP (Wachstum), sondern auch weniger Möglichkeiten, durch materiellen Konsum zum globalen Ressourcenverbrauch  beizutragen. Denn nur in geringem Ausmaß haben wir direkten Zugriff auf Ressourcen, zum Beispiel im eigenen Garten – der Großteil läuft über den „Markt“.

Wohlstand Lebensqualität ohne Erwerbsarbeit

Die Zeit, in der wir nicht (erwerbs-) arbeiten, verwenden wir in ganz unterschiedlicher Weise. Etwa die Hälfte der knapp 9000 uns jährlich zur Verfügung stehenden Stunden benötigen wir zur Erholung im weitesten Sinn (schlafen, essen, Körperpflege etc.). Der Rest – knapp 3000 Std – ist „Freizeit“. Die meisten Menschen empfinden Freizeit als Beitrag zu ihrer Lebensqualität. Daher kann eine kürzere Arbeitszeit auch bei geringerem Einkommen die Lebensqualität erhöhen.

Sehen wir uns die Zeitverwendung der Menschen genauer an, fällt aber auf, dass wir auch in der Freizeit „arbeiten“, auch wenn wir nicht „erwerbsarbeiten“: für uns selbst, für uns nahe stehende Menschen und für die größere Gemeinschaft (siehe dazu den Beitrag von Jenni Tischer). Entscheidend ist nun, dass auch diese Arbeit – wie die Erwerbsarbeit – Lebensqualität produziert, etwa wenn wir kochen anstatt ins Restaurant zu gehen, wenn wir Angehörige versorgen, Kinder aufziehen und wenn wir uns ehrenamtlich oder politisch engagieren.

Der Unterschied liegt im wesentlichen darin, dass das, was Nicht-Erwerbsarbeit produziert, nicht im BIP erfasst wird. Schließlich erfordert auch Bildung Zeit (Link zu Evas Thema „Bildung ist die neue Arbeit“ – Link zu SDG 4).

Care und Maintainance

Source: Pixabay 2019

Care und Care Work bezeichnet Pflegearbeit, das Aufziehen von Kindern, die Pflege von Alten und Kranken in der Gesellschaft. Gleichzeitig dehnt sich dieser Begriff in seiner Bedeutung auf den gesamten Planeten aus, denn wenn wir nicht in Sorge um die Erde leben und danach handeln entziehen wir uns allen die Lebensgrundlage. Sorgetragen ist Arbeit, sie umfasst einen ganzheitlichen Begriff von Leben und das spiegelt sich besonders in den Problemen wider, die sich im Bereich der Care Work zeigen. Die Trennung von Erwerbs- und Hausarbeit, die größtenteils immer noch auf den Schultern von Frauen ausgetragen wird und immer noch nicht als Arbeit anerkannt und dementsprechend entlohnt wird. Aus künstlerischer Perspektive haben sich damit schon in den siebziger Jahren u.a. die amerikanischen Künstlerinnen Mierle Laderman Ukeles und Mary Kelly befasst, oder die österreichische Künstlerinnen Birgit Jürgensen, um nur wenige zu nennen.

Care Work unterliegt den Logiken des Kapitalismus und entzieht sie sich dieser, wird sie nachrangig und fällt in den Bereich von nicht wertgeschätzter feminisierter Hausarbeit etc. „Herrschaftslogiken, die hier wirken sind aber nicht primär kapitalistisch, sondern zugleich und gleichermaßen genuin andro- und eurozentrisch, wobei zudem Arbeitsteilungen nach Geschlecht, Ethnizität und Klasse sichtbar werden“, trifft die Soziologin Brigitte Aulenbacher den Punkt. Cash for Care Maßnahmen begünstigen und verfestigen diese patriarchalen Strukturen. Hinzu kommt die Auslagerung von Care Work zu Migrant_Innen, die global im Einsatz sind und ihre eigenen Familien durch ihre Abwesenheit nicht ausreichend versorgen können (siehe Silvia Federici). Brigitte Aulenbacher betont zudem, dass ein ganzheitliches Verständnis von Sorgearbeit erreicht werden muss, im Gegensatz zu den derzeitigen Bestrebungen in neoliberaler Logik nach Rationalisierung: der analytischen Zerlegung, effizienzgerichteter Umgestaltung und erneuter Synthetisierung, um eine Verwertbarkeit auf „dem Markt“ und den Wettbewerb anzutreiben. „Der Kapitalismus zerstört nicht nur in Krisenzeiten, sondern von seinen Strukturen und Dynamiken her im ganz „normalen“ Fortgang der Geschichte seine eigenen Lebensgrundlagen, weshalb die Gesellschaft latent bis manifest in ihrer Reproduktion gefährdet ist.“ (Weber)

Anhand der gesellschaftlichen Bedeutung von Care Work werden vier große Themen sichtbar: a) Die Trennung von Erwerbs- und Hausarbeit (unsichtbare und unbezahlte Arbeit), b) die prekäre Situation von Migrant_Innen in der Pflegearbeit, c) und die niedrige Wertschätzung von Pflege- und Sorgearbeit.
An Care und Care Work oder Sorge und Sorgearbeit wird wie in kaum einem anderen Arbeitsbereich die Krise in der Gesellschaft durch die kapitalistische Logik deutlich. Der Bereich der Pflege und des Sorgetragens kann und darf nicht einer Marktlogik folgen, da durch die fortlaufende Rationalisierung und der Wettbewerb unter z.b. Pflegeeinrichtungen zu Lasten der Sorgetragenden und zu Versorgenden geht. Außerdem betrifft Care alle Menschen. Zudem thematisiert sich dadurch die Grenzziehung zwischen Privatem und Öffentlichem Bereich und der Umgang mit Auslagerung von Arbeit an Migrant_innen, Verschiebung von Care Arbeit in den Privaten Bereich, Nichtbezahlung von zumeist von Frauen getätigter Care Arbeit, da zum Beispiel das Pflegen von Alten und das Ausziehen von Kindern immer noch historisch konventionell als „natürliche Arbeit“ angesehen wird und zuletzt der Robotisierung von einzelnen Bereichen von Pflegearbeit.
Das österreichische Care Regime baut auf ein erwerbszentriertes, statusorientiertes Sicherungssystem auf drei Ungleichheitsstrukturen auf und erzeugt diese selbst wiederum:

    • Frauen übernehmen zwei Drittel der Pflege und sind dadurch hinsichtlich der eigenen Lebensführung und er eigenen Alterssicherung benachteiligt.
    • Die Transferleistungen sind nicht existenzsichernd.
    • Die unteren Einkommensschichten sind dadurch benachteiligt.
    • Das österreichische Betreuungssystem lebt von Migrant_Innen, unter Ausnutzung des Wohlstandsgefälles zu den Herkunftsregionen werden erhebliche Kosten exportiert: Ausbildungskosten werden eingespart.

Quellen:
(siehe: Aulenbacher, Brigitte/Dammayr, Maria (Hg.), 2014, Für sich und andere sorgen, Krise und Zukunft von Care in der modernen Gesellschaft, Reihe Arbeitsgesellschaft im Wandel, Beltz Juventa: Weinheim und Basel)
(siehe: Revolution at Point Zero: Housework, Reproduction, and Feminist Struggle. Aufsätze von 1975 bis 2010. Brooklyn/Oakland: Common Notions/PM Press, 2012.)
(siehe: Aufstand aus der Küche – Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution. Aus dem Englischen von Max Henninger, Reihe: Kitchen Politics, Band 1, Edition Assambleage, Münster 2012)

Arbeit umverteilen?

Statistiken über Erwerbsarbeit und Zeitverwendung zeigen, dass diese nach Alter, Geschlecht und anderen sozialen Aspekten recht ungleich verteilt sind.  Während die einen nach ihrer eigenen Einschätzung zu viel arbeiten, sind andere erwerbsarbeitslos – mit entsprechenden Konsequenzen für die Gesundheit, die Lebensqualität und das Einkommen. Gleichzeitig verschiebt sich das Verhältnis von Erwerbsarbeitenden zu Menschen jenseits der 65 deutlich zuungunsten ersterer, was bedeutet, dass ohne ausgleichende Tendenzen wie technischen Fortschritt oder auch Zuwanderung, die Möglichkeit mehr (BIP) zu produzieren, sinkt.

Andererseits besagt eine oft zu wenig beachtete sozialpolitische Regel, dass das BIP eines Jahres immer nur in diesem Jahr produziert werden kann. Wir können also genau genommen garnicht für unsere Pension sparen, wenn es dann zu wenige Erwerbsarbeitende gibt, die das, was wir uns leisten  wollen, auch erarbeiten. Unsere Nachfrage würde auf kein entsprechendes Angebot treffen – die Folge wäre Inflation, also höhere Preise.

Zahlreiche Szenarienberechnungen zeigen, dass neben diversen Veränderungen im Energie- und Produktionssystem (SDGs 7, 9 und 12), der Art wie wir wohnen und uns fortbewegen (SDGs 9 und 11) unser Lebensstil eine entscheidende Rolle spielt. Ein zentraler Aspekt dabei ist die Arbeitszeit. Eine Verringerung von 20% im Durchschnitt über die nächsten 30 Jahre in den früh industrialisierten Gesellschaften wird dabei als wesentlicher Beitrag dafür gesehen, Arbeitsplätze zu erhalten und gleichzeitig die Klima- und Ressourcenziele (SDGs 14 und 15) zu erreichen.

20% weniger bedeuten etwa 32 statt 40 Wochenstunden (oder 30 statt 38,5), 1280 statt 1600 Stunden im Jahr oder 51.200 statt 64.000 Stunden im Leben. Im Sinne des oben gesagten wäre zu überlegen ob nicht bei einer  weiter steigenden Lebenserwartung ein Erwerbsleben, auch auf einen längeren Zeitraum verteilt werden sollte – wenn auch nicht unbedingt gleichmäßig.

Eine dadurch mögliche Umverteilung von Jobs auf alle Erwerbsfähigen und -willigen würde die Gesamtzahl an Arbeitsstunden in Österreich um deutlich weniger als 20% senken, und damit auch das Wachstum nur wenig beeinträchtigen.

Arbeitszeitverkürzung auf 50.000 Stunden im Erwerbsleben

Daher wäre eine Option zur Erreichung der Ziele des Wachstums und der Beschäftigung (SDG 8) im Zusammenhang mit dem Schutz der Umwelt (SDGs 13, 14 und 15), Erwerbsarbeit gleichzeitig zu reduzieren und besser zu verteilen – zwischen den Menschen, aber auch über ein Erwerbsleben hinweg (siehe dazu auch die SDGs 1 – Armut, 5 – Gender und 10 – weniger Ungleichheit).

Die Erwerbsarbeit sollte in einer Weise reduziert werden, dass jeder erwerbsfähige Mensch in Österreich Erwerbsarbeit im Ausmaß ca. 50.000 Stunden annehmen kann. Die Verteilung auf die Lebensjahre sollte dabei flexibel gestaltet werden können. Die Erwerbsarbeitseinkommensentwicklung sollte sich an der Stundenproduktivität orientierten, womit in anderen Worten ein Teil des Produktivitätsfortschritts in Arbeitszeit abgegolten wird.

Source: Pixabay 2019

Daher wäre eine Option zur Erreichung der Ziele des Wachstums und der Beschäftigung (SDG 8) im Zusammenhang mit dem Schutz der Umwelt (SDGs 13, 14 und 15), Erwerbsarbeit gleichzeitig zu reduzieren und besser zu verteilen – zwischen den Menschen, aber auch über ein Erwerbsleben hinweg (siehe dazu auch die SDGs 1 – Armut, 5 – Gender und 10 – weniger Ungleichheit).

Die Erwerbsarbeit sollte in einer Weise reduziert werden, dass jeder erwerbsfähige Mensch in Österreich Erwerbsarbeit im Ausmaß ca. 50.000€ annehmen kann. Die Verteilung auf die Lebensjahre sollte dabei flexibel gestaltet werden können. Die Erwerbsarbeitseinkommensentwicklung sollte sich an der Stundenproduktivität orientierten, womit in anderen Worten ein Teil des Produktivitätsfortschritts in Arbeitszeit abgegolten wird.

Menü schließen
UniNEtZ - Universitäten und nachhaltige Entwicklungsziele