SDG2 -Hunger beenden

UniNEtZ-Newsfeed: SDG 2

(Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern )

von Dr. Margith Scherb, Dipl. -Ing. Dr. nat. techn. Thomas Lindenthal, Dipl. -Ing. Dr. Andreas Melcher (Wien 24.05.2019)

In Österreich gibt es keinen Hunger (Quelle), aber was wir essen und wie unsere Ernährung produziert wird, ist entscheidend für die Umsetzung mehrerer SDGs. Im Vordergrund stehen dabei vor allem Ernährung (SDG 2), Gesundheit (SDG 3), Landwirtschaft (SDG2 und SDG 15), Maßnahmen zum Klimaschutz (SDG 13), Sauberes Wasser (SDG 6), Nachhaltiger Konsum und verantwortungsvolle Produktion (SDG 12) sowie nachhaltige Städte (SDG 11). Darüber hinaus können auch die meisten anderen Ziele – abhängig vom Kontext der Aufgabenstellung – relevant sein.

Nachhaltige Welternährung

Im Jahr 2050 müssen sich rund 10 Millarden Menschen durch eine nachhaltige Landwirtschaft ernähren können. Obwohl sich in den vergangenen Jahren die Ernährungssituation in vielen Ländern verbessert und die Nahrungsmittelproduktion mit dem Zuwachs der Weltbevölkerung Schritt gehalten hat, leiden weltweit noch immer rund 800 Millionen Menschen an Unter- und Mangelernährung (Quelle). Noch viel mehr Menschen ernähren sich von Lebensmitteln minderer Qualität oder nehmen zu viel und ungesunde Nahrung zu sich. Gemeinsam mit dem Umstand, dass die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf nahezu 10 Millarden Menschen anwachsen wird, ist eine ausreichende und nachhaltige Ernährung aller Menschen eine der größten globalen Herausforderungen. Dies auch deshalb, weil unsere Ernährung nicht nur Einfluss auf unser individuelles Wohlergehen und unsere Gesundheit hat, sondern die Art und Weise wie unser Ernährungssystem (landwirtschaftliche Produktion, Verarbeitung, Verteilung, Zubereitung und Konsum von Nahrungsmitteln) gegenwärtig organisiert ist, die Belastungsgrenzen unseres Planeten weit überschreitet (Abb. 1).

Abbildung 1: Planetare Grenzen dargestellt von Rockström et al. 2009

Die von Rockström et al. 2009 (Quelle) und in Folgearbeiten dargestellten Überschreitungen der planetarischen Grenzen durch Eingriffe des Menschen werden auch von der konventionellen Landwirtschaft mitverursacht. Wie in Abb. 1 dargestellt betrifft dies besonders Biodiversitätsverluste, den Einfluss auf den Klimawandel und Ozon, die Überschreitung der Stickstoff– und Phosphorzyklen, Wasserverbrauch und Landnutzungsänderungen.

So ist die Landwirtschaft in vielen Regionen der Erde in unterschiedlicher Intensität vom Klimawandel negativ betroffen und trägt gleichzeitig wesentlich zu ihm bei. Sie ist der größte einzelne Faktor des globalen Klimawandels: Sie beansprucht nahezu 40% der Land- und 70% der Frischwasserressourcen und hat (inkl. den Landnutzungsänderungen) rund 30% der Treibhausgasemissionen zu verantworten (Quelle).

Ernährungsstil, menschliche Gesundheit und ökologische Nachhaltigkeit im globalen Maßstab sind untrennbar miteinander verbunden, weshalb die EAT – Lancet – Commission on Food, Planet, Health (EAT is the science-based global platform for food system transformation, Quelle) in ihrem im Jänner 2019 veröffentlichten Report „Food in the Antropocene“ in der Ernährung den einzelnen wichtigsten Hebel zur Erreichung dieser Ziele sieht. Ohne radikale Transformation des globalen Ernährungssystems („Great Food Transformation“) riskiert die Welt, die Erreichung der Sustainable Development Goals (SDGs) und des Pariser Klimaabkommens zu verfehlen. Auf individueller Ebene empfiehlt Lancet-Eat wissenschaftlich abgesichert eine Ernährung, die vor allem aus Gemüse, Früchten, Vollkorngetreide, Hülsenfrüchten, ungesättigten Fetten, wenig Fisch und Geflügel und aus sehr wenig Fleisch und Produkten aus verarbeitetem Fleisch, Süßwaren, Weizenmehl und stark stärkehaltige Lebensmitteln besteht.

Auch das World Resources Institute (Quelle) hat die Frage untersucht, wie 2050 in etwa 10 Milliarden Menschen ernährt werden können. Seine Befunde decken sich im Wesentlichen mit der EAT-Lancet Studie, seine Handlungsvorschläge konzentrieren sich jedoch auf die physischen Grundlagen der Nahrungsmittelproduktion (keine weitere Ausdehnung der Anbauflächen, Wiederaufforstung und Rückgewinnung von Moorlandschaften als CO² Speicher, Vermeidung von Ernteverlusten bei Produktion und Transport,…). Aber auch hier wird auf die Wichtigkeit einer Ernährungsumstellung, vor allem auf eine Reduktion des Fleischkonsums, und eine Vermeidung von Lebensmittelabfällen verwiesen.

Die im Jahr 2017 ebenfalls zu diesem Thema ausgerichtete Nature Publikation von Muller et al. zeigt, dass bei einer Änderung des Ernährungsstils in eine 50 prozentige Reduktion des Fleischkonsums und einer Senkung des Lebensmittelabfalls in ähnlichem Ausmaß, 9,6 Milliarden Menschen weltweit sogar mit biologischer Landwirtschaft ernährt werden können (Quelle).

Diese Studien zeigen anhand unterschiedlicher wissenschaftlich fundierter Modellannahmen, dass es möglich ist, bis 2050 an die 10 Milliarden Menschen ausreichend nachhaltig und gesund zu ernähren und dabei im Rahmen der planetaren Belastungsgrenzen zu bleiben. Den AutorInnen der EAT-Lancet Studie ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass nur wenige Entscheidungen über Ernährung, menschliche Gesundheit und ökologische Nachhaltigkeit mit absoluter Sicherheit getroffen werden können und die wissenschaftliche Beweisführung zumeist unvollständig und unvollkommen ist und deshalb ständig weiter entwickelt werden muss. Die in ihrer Studie präsentierten Forschungsergebnisse seien jedoch aussagekräftig genug um sofort Veränderungsprozesse in Gang zu setzen.

Die Umsetzung der SDGs weltweit sollten als Fundament dieser und anderer Zielprojektionen für das Jahr 2050 gesehen werden. In den nächsten 11 Jahren müssen die Grundlagen dafür gelegt werden, dass diese anvisierten „großen Transformationen“ auch tätsächlich stattfinden können. Die EAT-Lancet Studie ist ein globales Assessment des Ernährungssystems und formuliert globale Ziele für gesunde Ernährung und nachhaltige Ernährungssysteme. Sie beansprucht nicht, für einzelne Länder, Sektoren oder Unternehmungen Umsetzungsstrategien zu formulieren. Es liegt an internationalen Organisationen, nationalen Regierungen und zivilgesellschaftlichen AkteurInnen diese Strategien zu definieren und zur deren Umsetzung beizutragen.

Eine deutliche Reduktion des Fleischkonsums in den Industrieländern wird von der WHO seit vielen Jahren aus gesundheitlichen Gründen gefordert. Dieser Empfehlung schließt sich auch die Deutsche und Österreichische Gesellschaft für Ernährung (DGE und ÖGE) an.

Ernährung, Gesundheit und Landwirtschaft in Österreich

Der Ernährungsstil muss besonders in Österreich als problematisch und als nicht nachhaltig bezeichnet werden. Laut einer in Österreich repräsentativ durchgeführten Studie, dem Ernährungsbericht 2017, sind immerhin beachtliche 41 % der erwachsenen heimischen Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren übergewichtig bzw. adipös. Beide Geschlechter sind im Allgemeinen nicht ausreichend mit den Vitaminen D, E, B12 oder C versorgt und erreichen auch die empfohlenen Richtwerte für die Mineralstoffe Kalium, Kalzium und Magnesium nicht.

Auch wenn es in Österreich offiziell keinen Hunger gibt, müssen besonders sensible Folgeerscheinungen falscher Ernährung, wie krankheits- und altersassoziierte Mangelernährung oder Fehlernährung in armutsgefährdeten Gesellschaftsschichten (z.B.: AlleinerzieherInnen, Mehrkind-Familien, …) intensiver in den Blick genommen werden.

Die ÖsterreicherInnen essen deutlich zu viel Fleisch, nämlich etwa 66 kg/Person und Jahr, statt wie von der WHO und der DGE und ÖGE empfohlen 22 kg /Person und (Quelle). Der Konsum von Fleisch und Fleischprodukten übersteigt bei Männern die empfohlene wöchentliche Menge von 300 bis 450 Gramm um etwa das Dreifache. Frauen essen deutlich weniger Fleisch und Fleischprodukte, liegen aber mit einem wöchentlichen Konsum von 483 bis 546 Gramm auch deutlich über den Empfehlungen. Gleichzeitig essen wir zu wenig Obst und Gemüse. Auch Milch und Milchprodukte werden nicht in der empfohlenen Menge konsumiert.

Nachhaltig betrachtet und analysiert werden in der LandwirtschaftAchillesversen“ sichtbar (z.B.: Sustain 2001, Darnhofer 2005, Albrecht et al. 2012). Bereits seit mehreren Jahrzehnten ist eine Vielzahl von Schwachstellen bzw. Defiziten in der globalen aber auch österreichischen Landwirtschaft bekannt:

1. Abnahme der Bodenfruchtbarkeit:
Humusabbau, Bodenerosion, Bodenverdichtung, Schadstoffbelastungen, etc.

2. Bodenversiegelung:
Drastische Abnahme der fruchtbaren landwirtschaftlichen Nutzflächen durch Verbauung und andere Nutzung.

3. Abhängigkeit von fossilen Energien:
Herstellung von Mineraldünger oder für Futtermittelimporte und Landmaschinen.

4. Diversität, Verfügbarkeit, Nachbau Saatgut:
steigende Abhängigkeit von global agierenden Zuchtfirmen und Saatgutkonzernen.

5. Biodiversitätsverluste:
bei Kulturpflanzen und Haustieren, aber auch inner- und außerhalb der bewirtschafteten Acker- und Grünlandflächen.

6. Flächenkonkurrenz und Intensivierungsdruck:
steigert negative Umwelt- und Gesundheitsfolgen, z.B. veränderte Stickstoff- und Phosphorzyklen-Flüsse (siehe oben) oder Wirkungen und -Rückstände chemischer Wirkstoffe.

7. Phosphor:
Schwindende Phosphor-Lagerstätten sind bereits seit Jahrzehnten bekannt.

8. Futtermittelimporte:
Eiweißfuttermittel (insbes. Soja) und deren ökologische Folgen in den Herkunftsländern, Vermeidung von „SpilloverEffekte insbesondere in Tropen- und Savannenregionen. Österreich importiert etwa eine halbe Million Tonnen Sojaschrot jährlich aus Brasilien, Argentinien und USA.

9. Hofnachfolge und Größenwachstum:
Ein riesiges sozio-ökonomisches Problem für landwirtschaftlichen Betriebe, welches durch Abwanderung auch die Abnahme der sozio-kulturellen Vielfalt oder den Verlust von alpinem Grünland (insbes. Almen) beinhaltet.

FOTO 1: Biologische Milchwirtschaft im alpinen Raum © A.H. Melcher

Allgemeines zur Umsetzung von SDG 2 in Österreich

Es bedarf einer politischen Kohärenz für eine nachhaltige Entwicklung. In Österreich gibt es keinen Hunger. Das heißt aber nicht, dass Österreich bei der Umsetzung von SDG 2 keinen Handlungsbedarf hat. „Political Coherence for Sustainable Development“ (PCSD), von der OECD entwickelt und von der Europäischen Kommission als wesentliches Instrument zur Umsetzung der SDGs in Anwendung gebracht, erfordert, dass die Auswirkungen jeweiliger Politiken zueinander in Bezug gesetzt und in ihrer Bedeutung für eine kohärente nachhaltige ökonomische, soziale und ökologische Entwicklung im Rahmen der planetaren Grenzen berücksichtigt werden. Jedes Land muss seinen Beitrag dazu leisten, dass die notwendige „Great Transformation“ – und auf dem Weg dahin, die SDGs –umgesetzt werden.

Einen nachhaltigen Ernährungsstil umzusetzen bedeutet auch die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass gesunde Ernährung tatsächlich für alle Bevölkerungsschichten möglich ist. Auswirkungen von Fehlernährung müssen hinsichtlich Gesundheit, Volkswirtschaft und Umwelt bearbeitet werden. Der Anteil an vermeidbaren Lebensmittelabfällen in Österreich beläuft sich ca. auf 577.000 t pro Jahr (Quelle). Ein großer Teil dieser Lebensmittelabfälle gilt als vermeidbar, was den Intensivierungsdruck auf die Landwirtschaft deutlich reduzieren würde.

Im Bereich der Landwirtschaft, gilt es vorgeblich „positive“ Befund kritisch zu betrachten und aufzuzeigen was zu tun ist, um eine nachhaltige Transformation des Ernährungssystems zu erreichen. Dabei wird eine Analyse der Förderinstrumente im Allgemeinen (z.B.: ÖPUL) und im Vergleich mit dem sehr hohen Anteil (etwa 25 %) an biologischer Landwirtschaft interessant sein (Grüner Bericht des BMLFUW 2018).

Die EU listet ihre Indikatoren unter den Überschriften „Sustainable agricultural production“ und „Adverse impacts of agricultural production“ auf (Quelle). Dies ist eine erste grobe Einteilung, die im Folgenden durch weitere Problemfelder im Kontext mit Grand Challenges bzw. Planetary Boundaries, (s. oben) bzw. mit den genannten „Achillesfersen“ der österreichischen Landwirtschaft ergänzt werden müssen. Daraus ergibt sich eine Reihe von zu bearbeitenden Themengebieten:

        • Analyse und Bewertung unserer Agrarlandschaft der jeweiligen SDG Indikatoren
        • Einfluss österreichische Agrarmaßnahmen und den Globalen Süden (Spillover Effekte, wie z.B. Soja und Palmöl, virtuelles/importiertes Wasser)
        • Auswirkungen und Anpassung des Klimawandels auf die Landwirtschaft
        • Stellung der Landwirtschaft in unserer Gesellschaft
        • Erstellung eines Gesamtkonzepts für eine neue Form der Kooperation mit den Ländern des Globalen Südens
        • Gesamtstrategie für eine langfristige und kohärente Zusammenarbeit mit Ländern des Globalen Südens beinhaltet auch eine verstärkte Entwicklungsforschung.

FOTO 2: Frisch geerntete Mangos in Burkina Faso © A.H. Melcher

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