SDG 3: Gesundheit und Wohlergehen

UniNEtZ-Newsfeed: SDG 3

(Interaktionen des SDG 3 im UniNEtZ)

Von Katharina Mair und Stefan Mayer (Medizinische Universität Innsbruck) (19.10.2020)

Interaktionen der Targets des SDG 3 mit anderen SDGs

Das Thema Gesundheit und Wohlergehen findet sich in allen SDGs wieder. Für ein Verständnis der zugrunde liegenden Prozesse, die sowohl Gesundheit als auch Krankheit bedingen, muss allerdings erst Klarheit über die Begrifflichkeiten geschaffen werden. Das Verständnis einer  multifaktoriellen, also durch unzählige Faktoren bedingten, Genese von Gesundheit und Krankheit ist spätestens seit der Erstellung des Biopsychosozialen Modells im Jahre 1977 ein wesentlicher Grundstein der modernen Medizin. Krankheit wird also nicht als Ereignis, sondern wie Gesundheit auch als Zustand betrachtet, der von der Resilienz des Individuums genauso abhängt wie den Umweltbedingungen, denen es ausgesetzt ist. Daraus ergeben sich –schon aus einer rein medizinischen Betrachtung – im SDG 3 fundamentale Verknüpfungen mit allen anderen SDGs. Jedes SDG ist sozusagen ein SDG für Gesundheit und Wohlergehen, denn das Erreichen der Klimaschutzziele ist genauso Grundlage für die Verbesserung der Lebensbedingungen wie das Beenden von Armut, Hunger, Ungleichbehandlung, die Schaffung besserer Arbeitsbedingungen oder einer effizienten, leisen, verschmutzungsarmen und „grünen“ Verkehrsinfrastruktur. Das SDG 3 ist sich dieser Verknüpfungen bewusst und arbeitet konstant mit den SDGs an der Einarbeitung dieser Überlegungen. Die folgende Auflistung wesentlicher Interaktionen, die sich bisher aus unserer Arbeit an den Targets ergeben haben, kann anderen SDGs möglicherweise dabei helfen, ihrerseits Konnex mit dem SDG 3 herzustellen:

Targets 3.1 und 3.2 beschäftigen sich mit der Senkung von Mütter- und Kindersterblichkeit. Die Indikatoren ergeben für Österreich ein sehr positives Bild der Situation. Hier besteht jedoch die besondere Gefahr, dass die ausgezeichnete Gesundheitsversorgung auf dem Gebiet bestehende Probleme kaschiert. So hängt die Gesundheit von Müttern und Kindern von den Rahmenbedingungen ab, die man für eine Familie schafft. Aus den wichtigsten Risikofaktoren während der Schwangerschaft allein (Fehlernährung, Über-/Untergewicht, Alkohol-, Nikotin- und Drogenmissbrauch) ergeben sich Interaktionen mit zahlreichen SDGs und auch Targets innerhalb des SDG 3 (SDGs: 1, 2, 4, 5, 8, 9, 10, 11, 12, Targets des SDG 3: 3.3, 3.4, 3. 5, 3.7, 3.8, 3.9, 3.a)

SDG Targets 3.1 und 3.2

Target 3.3 ist seit der SARS-Cov2-Pandemie unbestritten ein fundamentales für alle SDGs. Der Kampf gegen Infektionskrankheiten betrifft nicht nur Gesundheitspersonal und Länder in Tropengebieten, sondern alle Menschen dieser Welt, auch in Ländern mit ausgezeichneter Gesundheitsversorgung. Die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der SARS-Cov2-Pandemie zeigen den Stellenwert einer resilienten Gemeinschaft. Aber nicht nur die Viruserkrankungen, für die nur eingeschränkt Therapie- und Präventionsmöglichkeiten bestehen, stellen eine  große Gefahr dar. Auch wachsende Antibiotikaresistenzen bakterieller Erreger sowie parasitäre oder Pilzinfektionen bergen Pandemiepotenzial und dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Dabei sind neben medizinischen Innovationen auch unter anderem Maßnahmen in Gesellschaft und Landwirtschaft gefragt. Interaktionen: (SDGs: 1, 2, 4, 6, 8, 9, 11, 12, 13, 15; Targets des SDG 3: 3.1, 3.2, 3.4, 3.5, 3.7, 3.8, 3.a, 3.b)

Die Prävention chronischer Erkrankungen sowie die Förderung der psychischen Gesundheit (Target 3.4) sind Grundlage für eine funktionierende Gesellschaft. Diese findet nicht primär in Krankenhäusern oder in Praxen von Gesundheitspersonal im niedergelassenen Bereich statt, sondern in erster Linie in den verschiedenen Lebensbereichen der Menschen, sei es zu Hause oder in der Natur, bei der Arbeit oder in der Freizeit. Lebenslanges Lernen, gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung, soziale Interaktion, ausreichender und guter Schlaf, ein gesundes Arbeitsumfeld sind nur wenige, aber wichtige Beispiele für die Grundlagen dieser Prävention. Nicht alle Menschen haben dazu die gleichen Ressourcen, weshalb es im Fokus unserer Bemühungen stehen sollte, hier Chancengleichheit zu schaffen. Dafür brauchen wir Expertise in allen Bereichen. (Interaktionen: SDGs: Alle!; Targets des SDG 3: Alle!)

Suchtstoffmissbrauch (Target 3.5) führt zu einer Vielzahl an Erkrankungen, hat unzählige Gesichter und ist oft entgegen der allgemeinen Wahrnehmung schwer zu erkennen. Auch hierzulande sind Erkrankungen des Suchtspektrums ein massives Problem. Die Ursachen dieser sind vielschichtig, weshalb bei der Bekämpfung von Suchterkrankungen einem ganzheitlichen Ansatz besondere Bedeutung zukommt. Besonders soziale, rechtliche und polizeiliche Fragen sind zu berücksichtigen. Wesentlich für eine frühzeitige und profunde Prävention ist hierbei die Einbindung des Bildungssektors. (Interaktionen: SDGs: 1, 4, 5, 6, 8, 9 (?), 10, 12, 16; Targets des SDG 3: 3.1, 3.2, 3.3, 3.4, 3.6, 3.7, 3.8, 3.a)

Target 3.6 zielt primär auf eine verbesserte Verkehrssicherheit, sekundär auf eine optimale Versorgung von Unfallopfern ab. Maßnahmen im Bereich der Unfallprävention sind in vielen Bereichen denkbar, darunter rechtliche und bauliche sowie Maßnahme im Bereich Bildung (Stichwort: lebenslanges Lernen). (Interaktionen: SDGs: 4, 9, 11; Targets des SDG 3: 3.4, 3.5)

Sexuelle und reproduktive Gesundheit ist ein selten angesprochenes, aber zunehmend wichtiger und aktueller werdendes Thema und wird allzu oft als selbstverständlich angenommen. Nicht nur kinderlose Paare suchen regelmäßig Zentren für Reproduktionsmedizin auf, auch Fragen zur sexuellen Aufklärung (Verhütungsmittel, STIs, Risiken beim Geschlechtsverkehr etc.), bei ungewollter Schwangerschaft oder zur sexuellen Identität sind Themen, die bei Target 3.7 eine wichtige Rolle spielen. Zusammenhänge zu anderen SDGs finden sich auch hier: (Interaktionen: SDGs: 1, 4, 5, 10, 16, Targets des SDG 3: 3.1, 3.2, 3.3, 3.4, 3.5, 3.7)

Ein sehr umfangreiches Target ist Ziel 3.8. Die Absicherung der allgemeinen Gesundheitsfinanzierung ist auch in Österreich keineswegs in trockenen Tüchern. Vielmehr stellt die zunehmende Belastung des Gesundheitssystems aufgrund des demographischen Wandels sowie fehlender Konzepte im Bereich der Prävention eine immense Herausforderung dar. Innovative Konzepte zur Steigerung von Effizienz innerhalb der Gesundheitsdienstleistungen sowie neue Präventionskonzepte können zu einer nachhaltigen Entlastung der gesamten Gesundheitsinfrastruktur, inklusive des Budgets, führen. Hier ist besonders Offenheit gegenüber strukturellen Veränderung und das “an einem Strang ziehen” aller Beteiligten notwendig. Überschneidungen zu anderen Targets sind auch hier zu finden: (Interaktionen: SDG 1, 2, 4, 5, 8, 9, 10, Targets des SDG 3: alle)

Umweltschutz wird häufig mit der Gesundheit von Ökosystemen, dem Erhalt der Artenvielfalt oder mit Klimaschutz in Verbindung gebracht. Neben diesen wichtigen Zielen ist ein rücksichtsvoller Umgang mit jeglichen Schadstoffemissionen auch Grundlage für das Wohlbefinden eines jeden Menschen. Innerhalb des SDG 3 beschäftigt sich damit Target 3.9: “Bis 2030 die Zahl der Todesfälle und Erkrankungen aufgrund gefährlicher Chemikalien und der Verschmutzung und Verunreinigung von Luft, Wasser und Boden erheblich verringern”. Hier finden sich besonders Überschneidungen zwischen Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Prävention von Erkrankungen. Um die vorgeschlagenen Optionen möglichst konkret formulieren zu können sind neben ärztlichem Personal auch Expert_innen aus technischen, wirtschaftlichen ökologischen und auch sozialwissenschaftlichen Bereichen gefragt. (Interaktionen: SDGs: 1, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15; Targets des SDG 3: alle)

Ein bisschen abseits der Betrachtungen steht Target 3.a, welches aber für Österreich ein topaktuelles und teilweise umstrittenes Thema darstellt. Der Umsetzung des Rahmenübereinkommens zur Eindämmung des Tabakgebrauchs wird hierzulande bereits mit Konsumverbotszonen, Besteuerungen und der Altersgrenze nachgekommen. Weitere Ansatzpunkte sind die Unterstützung von aktiven Raucher_innen bei der Entwöhnung und insbesondere auch die Prävention von Tabakkonsum durch umfassende Aufklärung bereits im Kindesalter. (Interaktionen: SDGs: 1, 4, 5; Targets des SDG 3: 3.1, 3.2, 3.3, 3.4, 3.5, 3.7, 3.8, 3.9)

Das SDG 3 ist besonders an der Umsetzung der innerhalb des UniNEtZ konsensuell ausgearbeiteten Prozesse interessiert. Die aktuelle Reflexion soll den anderen SDGs auf einen Blick Interaktionen zu den einzelnen Targets des SDG 3 bieten. Über Ergänzungen der Darstellungen freut sich das gesamte Team  sehr. Bisher besteht Zusammenarbeit mit den SDGs 1, 2, 5, 8 und 11. An der Intensivierung dieser Verknüpfungen wird parallel zur Ausweitung der bestehenden Interaktionen gearbeitet.