SDG2 – Reduktion des Fleischkonsums

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(Reduktions des Fleischkonsums - Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung zur Erreichung der Ziele des SDG 2 und dessen Synergien für weitere SDGs)

von Dipl. -Ing. Laura Hundscheid, Dipl. – Ing. Dr. nat. techn. Thomas Lindenthal, Dipl. -Ing. Dr. Andreas Melcher  (Wien 09.09.2019)

Der Weltklimarat (IPCC) veröffentlichte im August 2019 einen mahnenden Sonderbericht zu Klimawandel, Landflächenmanagement und Ernährungssicherheit, indem nicht nur Kernaussagen für Politik und Landwirtschaft formuliert wurden, sondern auch konkrete Handlungsempfehlungen für jeden einzelnen abgegeben wurden. Laut IPCC lässt sich der Klimawandel nur mildern, wenn die Welt ihr Konsumverhalten ändert. Einen besonders großen Hebel stellt dabei die Umstellung des Ernährungsverhaltens u.a. in Richtung eines reduzierten Fleischkonsums dar. Das gesamte Minderungspotenzial einer globalen Ernährungsumstellung wird bis 2050 mit 1,8- 3,4 Gt CO2 Äquivalente pro Jahr und mit einem monetären Wert von 20-100 USD/tCO2 als sehr hoch eingeschätzt (IPCC, 2019).

Ernährungsgewohnheiten und die Wissenschaft

Die EAT – Lancet – Commission on Food, Planet, Health vereint Aspekte aus Gesundheit und klimatischer Nachhaltigkeit in ihrem 2019 veröffentlichten Report „Food in the Antropocene“ und betont dabei, dass Ernährungsstil, menschliche Gesundheit und ökologische Nachhaltigkeit im globalen Maßstab untrennbar miteinander verbunden seien (Willet et al, 2019). Auch Gesundheitsorganisationen, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE), sowie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfehlen eine deutliche Reduktion des Fleischkonsums in den Industrieländern auf 22 kg Fleisch pro Person und Jahr.

Beispiele für eine gesunde und nachhaltige Ernährung sind ein hoher Gehalt an grobem Getreide, Hülsenfrüchten, Obst und Gemüse sowie Nüssen und Samen, ein niedriger Gehalt an energieintensiven tierischen und hoch verarbeiteten Lebensmitteln (wie zuckerhaltige Getränke) und an Kohlenhydraten (IPCC, 2019).

Ernährungsgewohnheiten gelangen auch in Österreich verstärkt in die öffentliche Diskussion

Auch in den österreichischen Medien finden die Auswirkungen falscher Ernährung (z.B. hoher Fleischkonsum) auf Klima und Ökologie zunehmend Eingang. Der Standard berichtete beispielsweise am 29. Juli 2019 basierend auf Daten der Statistik Austria über die Flächeninanspruchnahme verschiedener Lebensmittelgruppen (Abb. 1). Mit 67% benötigt die Fleischproduktion mit Abstand die meiste Produktionsfläche. An zweiter und dritter Stelle folgen Milch mit 17% und Stärkeprodukte mit 6% der Fläche. Gering ist hingegen die Landnutzung für Obst und Gemüse mit lediglich 1%. Mehr dazu im nächsten Artikel.

Abbildung 1: Anteil verschiedener Nahrungsmittelgruppen an der Flächeninanspruchnahme, aus Der Standard 2019, basierend auf Daten von Global2000, WWF, Statistik Austria, Wolfram Leitner

Auch über die Verknüpfung von Gesundheit, Klima und Ernährung wird verstärkt in den Medien berichtet. Hierzu lässt sich ein Artikel des Kuriers mit dem Titel „Gesund essen: Schützt den Mensch, schont das Klima“ vom 18. Jänner 2019 beispielhaft anführen, indem klar dargelegt wird, dass klimatische und gesundheitliche Ernährungsempfehlungen übereinstimmen. Es werden konkrete Ernährungsempfehlungen basierend auf der wissenschaftlichen Studie der EAT-Lancet Commission abgegeben. Für den Wandel des Ernährungsstils in Österreich, wird die Notwendigkeit einer starken Reduktion des Fleischkonsums und ein vermehrter Verzehr von Gemüse betont.

Durch Thematisierung von gesundheitlichen und klimatischen Aspekten in den öffentlichen Medien wird ein unbedingt notwendiger Beitrag zur allgemeinen Bewusstseinsbildung für eine nachhaltige Landwirtschaft und einen gesunden Lebensstil geschaffen.

Ernährung und Gesundheit

Unausgewogene Ernährung und zu hoher Fleischkonsum bedingen gesundheitliche Probleme, dabei sind steigende Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes Typ 2 besonders zu nennen. Im Zusammenhang mit Herzerkrankungen steht v.a. der übermäßige Verzehr von verarbeitetem Fleisch, wie Schinken, Speck, Würste (Micha et al., 2012).

In Österreich wird deutlich zu viel Fleisch gegessen. Im Jahr 2017 waren es durchschnittlich 63,4 kg Fleisch (Rind-Kalb, Schwein und Geflügel) pro Person und Jahr (AMA, 2019). Von den nationalen und internationalen Gesundheitsorganisationen, ÖGE, DGE und WHO werden 22 kg pro Person empfohlenen (z.B. DGE 2017). Mit einem Verbrauch von 37,2 kg liegt der Schweinefleischkonsum deutlich vor Geflügel (12,6 kg) und Rind-Kalb (12 kg) (AMA, 2019).

Auch von Seiten der Politik werden Empfehlungen zu einer gesunden Ernährung veröffentlicht. Diese fallen mitunter sehr verschieden aus. Im direkten Vergleich von Kanada und Österreich, wie in Abbildung 2 gegenübergestellt, setzt das kanadische Gesundheitsministerium vor allem auf Gemüse und Obst, während die Österreicher Fleisch- Milchprodukte in den Vordergrund stellen. In den unter den Bildern beschriebenen Empfehlungen halten sich beide Länder aber grundsätzlich an die Richtlinien der internationalen und nationalen Gesundheitsorganisationen. Für eine konsumentenfreundliche Kommunikation und als Anreiz zur Veränderung des Ernährungsverhaltens muss jedoch klar dargestellt werden, dass der Fleischkonsum um 65%, also mehr als die Hälfte, reduziert werden muss.

Vorbildlich zeigt sich die Homepage des kanadischen Gesundheitsministeriums wo Empfehlungen und das Foto auf der Website weitgehend übereinstimmen und eine fleischreduzierte Ernährung somit auch optisch transportiert wird.

Abbildung 2: Darstellung gesunder Ernährung – Schwerpunkt Obst und Gemüse – auf der Webseite des kanadischen Gesundheitsministeriums zu Ernährungsempfehlungen (https://food-guide.canada.ca/en/), (linkes Bild),  und jene des österreichischen Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (https://www.sozialministerium.at/site/Gesundheit/Reiseinfos_Verbrauchergesundheit/Ernaehrung_und_Lebensmittel/Die_Ernaehrungspyramide_im_Detail_7_Stufen_zur_Gesundheit), mit einem Schwerpunkt auf tierische Produkte. Anmerkung: Zu wünschen wäre, Fisch aus heimischer Produktion anstelle von marinem Fisch aus nicht nachhaltiger Aquakultur (erkennbar an der beschädigten Schwanzflosse) zu propagieren.

Wie lässt sich ein Wandel in Richtung nachhaltigerer Ernährungsstil umsetzten?

Optionen zur Erreichung der Ziele das SDG 2 hängen weitgehend von Entscheidungen für einen nachhaltigen Ernährungsstil ab: dazu zählen neben Ernährungspräferenzen auch die Entwicklung hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft und die Reduktion von Lebensmittelabfällen. Diese wiederum hängen von ökologischen und sozio-ökonomischen, insbesondere kulturellen, sowie traditionellen Faktoren ab.

Wichtige Maßnahmen für die Transformation hin zu einem nachhaltigen Ernährungsstil sind u.a.:

    • politischen Maßnahmen, z.B. Anreize und Steuern, wie z.B. sozial gerecht gestaltete CO2- und Fleischsteuern; Änderungen in den Agrarsubventionen

    • Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung, z.B. Öffentliche Veranstaltungen, Integration des Themas „Nachhaltige und gesunde Ernährung“ in Schulen, Universitäten und tertiären Bildungsstellen sowie in Film, Fernsehen, soziale Medien etc., Integration in einen „nachhaltigen Lifestyle“, in diese Richtung engagierter Schlüsselpersonen (Ärzte, weitere Akteure im Gesundheitswesen, LehrerInnen, berühmte Persönlichkeiten, )

    • Innovationen in Wirtschaft, Gastronomie und Handel, z.B. Hohe Qualität und Vielfalt von veganen und vegetarischen Produkten, innovative und hochqualitative Rezepte, verfügbare und leistbare Angebote an fleischreduzierten, veganen, vegetarischen Speisen

    • Innovationen in der Lebensmittelproduktion, wie beispielsweise Fleischimitate (aus pflanzlichen Produkten) und weitere alternative Eiweißquellen (Pilze, Algen, Insekten…) können beim Übergang zu gesünderen und nachhaltigeren Ernährungsweisen helfen, deren CO2-Bilanz und gesellschaftliche Akzeptanz müssen allerdings noch ausreichend erforscht werden (IPCC Chapter 5 p.6f).

 

Zur Erreichung eines nachhaltigeren Ernährungsstils als Teil der „Great transformation“ wird eine Kombination aus trans- und interdisziplinären Maßnahmenpaketen notwendig sein, die sowohl unmittelbar als auch langfristig von politischer Seite in Kraft gesetzt werden müssen.

Verbindungen zu anderen SDGs

Eine Umstellung der Ernährungssysteme hin zu einem nachhaltigerem, weniger auf tierischen Produkten basierendem Lebensmittelkonsum können wichtige Beiträge zur Zielerreichung folgender SDGs leisten:

    • SDG 2: Target 2.2 („…Formen der Fehlernährung beenden“),
      Target 2.4 („…Nachhaltigkeit der Systeme der Nahrungsmittelproduktion sicherstellen und resiliente landwirtschaftliche Methoden anwenden“)
    • SDG 3: Ziele zur Reduktion ernährungsbedingter Krankheiten und damit zur Verbesserung der Gesundheitsvorsorge,

    • SDG 6: Ziele zur Verbesserung und Erhaltung der Wasserqualität durch geringere Stickstoff- und Phosphoreinträge in Grund- und Oberflächengewässer,

    • SDG 12: Nachhaltiger Lebensmittelkonsum,

    • SDG 13: Klimaziele bezüglich der Reduktion von THG Emissionen (in Österreich und international),

    • SDG 15: Ziele bezüglich Biodiversitätsschutz und Reduktion des Flächenverbrauchs (national und international).

Literatur

AMA (2019): Entwicklung des Pro-Kopf-Verbrauches von Fleisch inkl. Geflügel gesamt in Österreich.https://amainfo.at/fileadmin/user_upload/Dokumente/Alle_Dokumente/Marktinformationen/Pro_Kopf_Verbrauch_Fleisch.pdf

DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) (2017): Vollwertig essen und trinken nach den 10 Regeln der DGE. https://www.dge.de/ernaehrungspraxis/vollwertige-ernaehrung/10-regeln-der-dge/

EAT Lancet Commission, 2019. Food in the Anthropocene: The EAT Lancet Commission on healthy diets from sustainable food systems. In: The Lancet 393. 447-492. Abgerufen online: https://www.thelancet.com/commissions/EAT

IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), 2019. Climate Change and Land. An IPCC Special Report on climate change, desertification, land degradation, sustainable land management, food security, and greenhouse gas fluxes in terrestrial ecosystems.

Micha R, Michas G, Mozaffarian D (2012): Unprocessed red and processed meats and risk of coronary artery disease and type 2 diabetes–an updated review of the evidence. Curr Atheroscler Rep, 14:515-524

ÖGE (Österreichische Gesellschaft für Ernährung) (2017): 10 Ernährungsregeln der ÖGE. https://www.oege.at/index.php/bildung-information/empfehlungen

Abbildungen

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