SDG12 -Teilergebnisse vom dritten Workshop

UniNEtZ-Newsfeed: SDG 12

("Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster" entwickelt Circular Economy Bezugsrahmen im Rahmen eines Multi-Stakeholder Prozesses)

von Mag. Dr. Daniela Schrack, Univ.-Prof. Dr. Erik G. Hansen, Dipl.-Ing. Patrick Trummer, Susanne Feiel, BA MA (Linz 17.10.2019)

Der dritte Workshop der Arbeitsgruppe für das SDG 12 fand am 28. August 2019 an der JKU Linz statt. Im Rahmen dieses Workshops, an dem insgesamt 13 VertreterInnen der JKU Linz, der MUL, der AAU, der BOKU, der DUK und der KFU teilnahmen, wurde intensiv an den grundlegenden Zielen, dem Bezugsrahmen und potentiellen Handlungsoptionen für das SDG 12 gearbeitet.

Einen Teil der Ergebnisse aus dem Workshop möchten wir nachfolgend vorstellen:

Vorbemerkung:

Vor dem Hintergrund eines weltweit rapide steigenden Ressourcenverbrauchs (vgl. Lutter, Giljum & Gözet, 2019; Whiteman et al., 2013) bei gleichzeitigem Erreichen planetarer Belastbarkeitsgrenzen – insbesondere in Bezug auf den Biodiversitätsverlust, die Veränderung des Klimas, die Reduktion der Waldflächen und das Eingreifen in die biochemischen Kreisläufe (vgl. Steffen et al. 2015) – ist ein auf Nachhaltigkeit ausgerichteter Strukturwandel im Bereich der Produktion und Konsumtion unumgänglich.

Das Ziel 12 (SDG 12) ist darauf ausgerichtet, nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherzustellen. Um die Unterziele 12.1-12.8 und 12.a-12.c erreichen zu können, bedarf es der Anwendung eines breiten Instrumentariums, das sowohl Unternehmen der produzierenden Industrie, Service- und Handelsunternehmen in der gesamten Wertschöpfungskette umfasst, als auch den Endkonsumenten miteinbezieht. Experten sind sich dabei einig, dass weitreichende – und nicht bloß inkrementelle oder konventionelle – gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen notwendig sein werden, die direkt die Probleme der weltweit steigenden Konsumption, der Emission von Treibhausgasen, der wachsenden Ungleichheit und Armut aufgreifen (vgl. Randers et al. 2018).

Themen, die im Rahmen des SDG 12 berücksichtigt werden, sind etwa die effiziente und effektive Nutzung der natürlichen Ressourcen (12.2), die Reduktion der Nahrungsmittelverschwendung sowie die bestmögliche Nutzung nicht vermeidbarer Lebensmittelabfälle (12.3), ein umweltverträglicher Umgang mit Abfällen und Chemikalien (12.4), die Reduktion des Abfallaufkommens durch Vermeidung, Verminderung, Wiederverwendung und Wiederverwertung (12.5), die Einführung nachhaltiger Maßnahmen und Berichterstattung in Unternehmen (12.6), nachhaltige Beschaffung (12.7) und die Förderung des Bewusstseins und Handelns im Sinne eines nachhaltigen Lebensstils in der Bevölkerung (12.8).[1]

[1] Anmerkung: kursiv geschriebene Textpassagen sind als Ergänzung zu den von der UN definierten Ziele zu verstehen, die im Rahmen des 3. SDG12-Workshops in Linz diskutiert wurden.

Gemeinsamer Bezugsrahmen für SDG 12 im Kontext aktueller politischer Entwicklungen

Um für dieses breite Themenfeld und die diversen relevanten Akteure (Produzenten, Handel, Konsumenten, Reduzenten) eine gemeinsame Zielorientierung zu schaffen und eine kongruente Zielintegration zu ermöglichen, ist ein gemeinsamer Bezugsrahmen notwendig. Sowohl aufgrund der wesentlichen regulatorischen Entwicklungen als auch aufgrund der inhaltlichen Abdeckung bietet sich hierzu das Konzept der Zirkulärwirtschaft an. Das übergeordnete Ziel der Kreislaufwirtschaft (engl. Circular Economy) ist es, mit den natürlichen Ressourcen effizienter umzugehen sowie auch eine bessere Kompatibilität der eingesetzten und genutzten Stoffe mit der natürlichen Umwelt zu erreichen. In der EU werden seit Ende 2014 durch die Beschließung des 1. Circular Economy Packages („Towards a circular economy: a zero waste programme for Europe“) wesentliche Weichen für Nachhaltigen Konsum und Produktion gestellt (vgl. Europäische Kommission 2014), sodass der Bezug hierzu den Zugang in die politische Praxis erleichtert. Hierbei wird ein breiter Ansatz vertreten, der weit über das Stoff-Recycling (sog. Closing Strategien) hinausgeht und auch die Produktlebensdauer und damit verbundene Konsumgewohnheiten (sog. Slowing Strategien) adressiert. Im folgenden Circular Economy (CE) Framework als Bezugsrahmen wird die Abdeckung und der Zusammenhang der einzelnen Unterziele sichtbar. 

Die Grundidee der CE basiert auf dem aus den 1970er Jahren bekannten Konzept der Kreislaufwirtschaft, welches heute als lebenswegbezogene Innovationsstrategie neu interpretiert wird (vgl. Hansen & Schmitt, 2016). Der CE Ansatz steht im Gegensatz zur traditionellen linearen Stoffdurchflusswirtschaft („take-make-use-dispose“) und berücksichtigt technische Kreisläufe für Gebrauchsprodukte und biologische Kreisläufe für Verbrauchsprodukte (vgl. Bocken et al., 2016; Braungart et al., 2007) im Kontext zunehmender Nutzung erneuerbarer Energien.

Technische Kreisläufe in der CE beinhalten Strategien und Geschäftsmodelle wie etwa gemeinsame Nutzung (z.B. Car Sharing), Wartung bzw. Reparatur (z.B. Austausch beschädigter Teile zur Verlängerung der Nutzungsdauer), Wiedervermarktung gebrauchter Produkte (z.B. in Zweitmärkten), Wiederaufbereitung von Gütern durch Remanufacturing sowie das stoffliche Recycling (vgl. EMF, 2013). Biologische Kreisläufe adressieren Verbrauchsprodukte bzw. ­‑Stoffe und deren naturkompatible Rückführung in die natürlichen Kreisläufe. Das bedeutet, dass bereits beim Produktdesign auf die biologische Abbaubarkeit von Komponenten und auf den Verzicht toxischer oder naturfremder Stoffe zu achten ist. Biologische und technische Kreisläufe sind gekoppelt, so dass auch biobasierte Produkte vor der Rückführung in die Umwelt in technischen Kreisläufen geführt werden sollten. Ziel der CE ist daher der „Austausch von energieintensiver und umweltbelastender, mit Primärressourcen Abbau einhergehender Produktion durch serviceintensive aber umweltentlastende regionale Wertschöpfung“ (Hansen & Schmitt, 2016, S. 8). 

Abbildung 2: Die drei Basisstrategien Slowing, Closing und Narrowing, aufgezeigt anhand linearer und zirkulärer Ansätze zur Reduktion des Ressourceneinsatzes (Bocken et al. 2016, S. 309).

Dieses Modell wurde unter anderem gewählt, da es – neben der Abdeckung der Unterziele 12.2-12.8 – alle Umweltbasisstrategien berücksichtigt (vgl. Huber 1995). Diese sind: Suffizienz bzw. Slowing (z.B. längere Nutzung von Produkten bzw. neue Konsumstile), Konsistenz bzw. Closing (Schließen von Material- und Produktkreisläufen in biologischen und technischen Metabolismen unter Berücksichtigung der Verträglichkeit mit der Umwelt) und Effizienz bzw. Narrowing (Stoff- und Energieströme über den Produktlebenszyklus minimieren). [2] Letztere Strategie hebt sich dabei von den beiden erstgenannten Strategien ab, da die Effizienzstrategie nicht die Geschwindigkeit bzw. Zeitdimension der Stoffflüsse berücksichtigt und in Vergangenheit bereits (mehr oder minder) erfolgreich in der linearen Stoffdurchflusswirtschaft angewandt wurde (vgl. Bocken et al., 2016). Dabei ist der Effizienzgedanke immer wieder der Kritik des Rebound-Effekts ausgesetzt. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass bei energieverbrauchenden Gütern die Priorität von Kreislauf-Strategien vs. Energieeffizienz in Abhängigkeit vom technischen Fortschritt abgewogen werden müssen. 

 

[2] Anmerkung: Die hier angeführten Basisstrategien sind nicht vollkommen deckungsgleich bzw. als Synonyme zu verstehen. Beispielsweise ist der Begriff Suffizienz weiter zu fassen als die Strategie „Slowing“, da Suffizienz auch den Konsumverzicht im Sinne von Selbstbegrenzung und Genügsamkeit beinhaltet (vgl. Huber, 2011).

Eine aktuelle Studie zur Relevanz von CE Maßnahmen im Kontext zu den SDGs zeigt zudem auf, dass CE Praktiken nicht nur einen positiven Beitrag zur Erreichung des SDG 12 liefern können, sondern darüber hinaus auch starke Bezüge zu SDG 6 (Sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen), SDG 7 (Bezahlbare und saubere Energie), SDG 8 (Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum) und zum SDG 15 (Leben an Land) aufweisen (vgl. Schroeder, Anggraeni & Weber, 2018).

Literaturverzeichnis

Braungart, M., McDonough, & W., Bollinger, A. (2007): Cradle-to-cradle design: creating healthy emissions – a strategy for eco-effective product and system design. In: Journal of Cleaner Production 15 (13-14), S. 1337–1348. DOI: 10.1016/j.jclepro.2006.08.003.

Bocken, N. M. P. et al. (2016): Product design and business model strategies for a circular economy, Journal of Industrial and Production Engineering, 33:5, 308-320, DOI: 10.1080/21681015.2016.1172124

Ellen MacArthur Foundation (EMF). (2013). Towards the Circular Economy 1: Economic and business rationale for an accelerated transition. Retrieved from http://ellenmacarthurfoundation.org/ (accessed: 25.12.2014).

Europäische Kommission (2014): Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen. Hin zu einer Kreislaufwirtschaft: Ein Null-Abfallprogramm für Europa (COM(2014) 398 final/2.

Hansen, E. G., & Schmitt, J. (2016). Circular Economy: Potenziale für Produkt- und Geschäftsmodellinnovation heben. UC Journal, (2-October), 8–10. http://www.cleantech-cluster.at/fileadmin/user_upload/Cluster/UC/Downloadunterlagen/UC_Journal_2_2016_download_web.pdf. https://doi.org/10.13140/RG.2.2.31518.54081.

Huber, J. (1995). Nachhaltige Entwicklung durch Suffizienz, Effizienz und Konsistenz. In P. Fritz, J. Huber, & H.-W. Levi (Eds.), Nachhaltigkeit in naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Perspektive (pp. 31–46). Stuttgart: Hirzel.

Huber, J. (2011): Allgemeine Umweltsoziologie, 2., vollständig überarbeitete Auflage. Wiesbaden.

Lutter, S., Giljum, S., & Gözet, B. (2019): Global trends of material use. Vienna University of Economics and Business (WU Vienna) – Institute for Ecological Economics. http://www.materialflows.net/global-trends-of-material-use/

Randers, J., et al. (2018): Achieving the 17 Sustainable Development Goals within 9 planetary boundaries. https://doi.org/10.31223/osf.io/xwevb.

Schroeder, P., Anggraeni, K., & Weber, U. (2018): The Relevance of Circular Economy Practices to the Sustainable Development Goals. Journal of Industrial Ecology, Vol. 23, 77-95. https://doi.org/10.1111/jiec.12732.

Steffen, W., et al. (2015): Planetary boundaries: Guiding human development on a changing planet. Science. Vol. 347:736. DOI: 10.1126/science.125985.

Whiteman, G., Walker, B., & Perego, P. (2013): Planetary Boundaries: Ecological Foundations for Corporate Sustainability. In: Journal of Management Studies 50 (2), S. 307–336. DOI: 10.1111/j.1467-6486.2012.01073.x

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